Shakespeares Rivalen: Marlowe und Jonson


Shakespeares Rivalen: Marlowe und Jonson
Shakespeares Rivalen: Marlowe und Jonson
 
Jedes Genie ruft Neider und Rivalen auf den Plan - im Falle des früh erfolgreichen Shakespeare konnte dies nicht anders sein. Eher Neider als ernsthafter Rivale war Robert Greene, an den man sich heute weniger wegen seiner mittelmäßigen Dramen erinnert als wegen seines hasserfüllten Angriffs auf Shakespeare. In einem kurz vor seinem Tod verfassten Pamphlet beschimpft er, der »University wit«, den Schauspieler-Autor aus der Provinz als »emporgekommene, mit unseren Federn geschmückte Krähe«. Dieser »bildet sich ein, der einzige »shake-scene« (= Bühnen-Erschütterer) im Lande zu sein.«
 
Da war Christopher Marlowe als Rivale sehr viel ernster zu nehmen. Seine Stücke eroberten seit dem Ende der Achtzigerjahre die Londoner Bühnen im Sturm. Seinen frühen Ruhm begründete die Tragödie »Tamerlan der Große« (um 1587), in der bereits die typischen Merkmale der meisten seiner Bühnenwerke erkennbar werden: von der menschlichen Norm weit entfernte, machtbesessene Charaktere, eine diesen Figuren angemessene pathetische und bilderreiche Sprache, die von keinem Autor vor ihm erreichte, vollendete Handhabung des Blankverses und eine eher episodisch reihende Struktur.
 
Marlowes Bühnenhelden scheitern meist an der Maßlosigkeit ihrer fast größenwahnsinnigen Ansprüche. Tamerlan der Große will sich zum Weltherrscher aufschwingen und fühlt sich mächtig genug, »das Rad Fortunas mit eigener Hand zu drehen«. Doch auch er muss schließlich wie jeder gewöhnliche Sterbliche vor dem Tod kapitulieren: Das übermäßig ausgeprägte Selbstbewusstsein des Renaissancemenschen stößt an seine Grenzen.
 
Auch einige andere Dramen Marlowes beweisen sein Gespür für bühnenwirksame Stoffe: »Der Jude von Malta« (um 1589) zeigt den in seiner Geld- und Machtgier maßlosen Juden Barabas als zunächst Erfolgreichen, doch letztendlich Scheiternden - weniger als tragische Figur denn als grausam verhöhnte Komödiengestalt, in der bereits Züge der späteren »Comedy of humours« Ben Jonsons erkennbar werden. Shakespeare ließ sich wohl durch Marlowes Drama zum »Kaufmann von Venedig« anregen, schrieb aber - trotz der oberflächlichen Ähnlichkeit des Stoffes - ein ganz anderes, tieferes Stück.
 
Und Marlowes tragisches Historienspiel »Eduard II.« (um 1592) wiederum hat keinen geringeren als Bert Brecht zu einer erfolgreichen Neubearbeitung verlockt. »Doktor Faustus« (um 1592) ist Marlowes bekanntestes, bestes und folgenreichstes Drama. Der Titelheld verkörpert nicht nur den Inbegriff des Marloweschen Übermenschen, sondern einen zeitlosen Mythos: den des rastlos Fragenden und Gott infrage Stellenden, der sich so zum Herrn der Welt aufwerfen will. Hier gelingt esMarlowe paradoxerweise, mithilfe mittelalterlicher Motive und mit Techniken der »Morality plays« (sieben Todsünden, gute sowie böse Engel, Höllenschlund) das tragische Schicksal des »modernen Menschen« darzustellen, der ein Opfer seiner forschenden Wissbegier wird. Dass ohne Marlowes erste Dramatisierung dieses Stoffes kaum jene zu Goethes»Faust« hinführende Kette von Texten entstanden wäre, ist wohl unbestritten.
 
Shakespeares Rivale (wie Marlowe), doch kein Neider (wie Greene), dem Meister aus Stratford sogar freundschaftlich verbunden war Ben Jonson. Einige der einprägsamsten, noch heute geläufigen Belobigungen Shakespeares stammen aus Jonsons »To the Memory of. .. Shakespeare«, dem Widmungsgedicht der ersten Shakespeare-Gesamtausgabe (1623). Dort ist die Rede vom »wonder of our stage« (= Wunder unserer Bühne) und vom »sweet swan of Avon« (= süßer Schwan vom Avon): »He was not of an age, but for all time« (= Er war nicht der Mann einer Epoche, sondern einer für alle Zeiten).
 
Während Shakespeare der unangefochtene Herrscher im Reich des elisabethanischen Theaters war, entwickelte sich der neun Jahre jüngere Jonson zum vielseitigsten Literaten und zum Literaturpapst der jakobäischen Zeit. Er verfasste (insbesondere für König Jakob I.) zahlreiche Maskenspiele, schrieb Gedichte, saß einem literarischen Zirkel vor. Man überhäufte ihn mit Aufträgen und Ehrungen - 1616 wurde er sogar Poeta laureatus. Im Gegensatz zu Shakespeare schrieb er nicht nur für, sondern auch über das Theater. Und ebenfalls im Unterschied zu seinem älteren Kollegen besorgte er selbstbewusst die Herausgabe seiner eigenen Werke, die 1616 erschienen. (Erst 1623, sieben Jahre nach Shakespeares Tod, gaben zwei seiner Schauspielkollegen dessen Dramen heraus.)
 
Doch während für uns von der überschaubaren Zahl Shakespearescher Texte fast alle lebendig geblieben sind, haben nur wenige der zahlreicheren und vielfältigeren Hervorbringungen Jonsons die Zeitenprobe überstanden - genauer: Zwei seiner Komödien - »Volpone« und »Der Alchemist« - werden gelegentlich noch gespielt, und dies zu Recht. Sie sind Meisterwerke in der Entwicklung jener speziellen Form von Sittenkomödie, die Ben Jonson selbst erfunden hat: der »Comedy of humours«. In dieser Komödienspielart distanziert sich Jonson bewusst von der romantischen Komödie, die ja auch von Shakespeare souverän gehandhabt wurde: Gefühl wird man in Jonsons Komödien vergeblich suchen. Statt dessen ist in der »Comedy of humours« der Wille zur satirischen Bloßstellung tonangebend. Handlung und Figuren folgen dem Prinzip des satirischen Realismus: Sie sind so konstruiert, dass die bessernde Absicht des Autors dem Zuschauer überdeutlich wird. Die Gestalten dieser Komödien sind nicht (wie zum Beispiel meist bei Shakespeare) komplexe, komplizierte Charaktere, sondern stehen für ein vorherrschendes Laster - oder zumindest für eine dominierende Leidenschaft, die durch den jeweiligen Körpersaft (lateinisch »humor«, englisch »humour«) bestimmt wird.
 
So führt Ben Jonsons »Volpone« (1605) modellhaft in satirischer Zuspitzung nur ein Laster vor: die Habgier. Im Anschluss an römische Satiriker (wie etwa Juvenal) zeigt Jonson als besonders scheußliche Variante der Geldgier die Erbschleicherei. Der einseitigen Verdeutlichung des Themas dienen die sprechenden Namen der Akteure: Der schlaue, reiche Volpone (= Fuchs), unterstützt von seinem Diener Mosca (= Schmeissfliege), stellt sich todkrank, um von den Erbschleichern Corbaccio (= Rabe) und Corvino (= Krähe) Geschenke zu ergaunern. Dass am Ende die gute, alte »poetische Gerechtigkeit« siegt, erscheint nebensächlich und fast als lästige Pflichtübung des Autors. Sein Ziel war es aber, beim Zuschauer läuternde Wirkung durch die abstoßende Darstellung des Lasters zu erreichen.
 
In »Der Alchemist« (1610) dramatisiert Jonson ein der Habgier verwandtes Thema: die Betrügerei. Die Handlung ist von kaum zu überbietender Aktualität, auch wenn einige Motive sich bis zur »Mostellaria«, der Gespensterkomödie des Plautus, zurückverfolgen lassen. Ort der Handlung: das schicke Blackfriars-Viertel in London, wo Jonson selbst wohnte. Zeit der Handlung: 1619 während einer Pestepidemie - das Entstehungsjahr der Komödie. In diesem zeitgenössischen London spielt eine Handlung, die sich um die Alchimie dreht, an die viele seinerzeit ebenso glaubten wie an Magie und Hexen. Gnadenlos gibt Jonson jene Zeitgenossen der Lächerlichkeit preis, die auf den betrügerischen »Alchimisten« Subtle hereinfallen. Wie bereits in »Volpone« geht es Jonson um die kathartische Dar- und Bloßstellung der Torheit, die sich selbst richtet. Die Betrüger werden erst gar nicht mehr bestraft. In »Der Alchemist« verzichtet Jonson auf den warnend erhobenen Zeigefinger und lässt statt dessen das Bühnengeschehen für sich selbst sprechen. Dieses wird durch die grandiose Vielfalt unterschiedlichster Redeweisen transportiert, die vom rhetorischen Pathos bis zur Gaunersprache reicht. Über solche Sprachgewalt verfügte damals ansonsten nur Shakespeare. In dieser sprachlichen und auch in dramaturgischer Hinsicht waren Jonson und Shakespeare Rivalen. Vielleicht hat nur die grundsätzliche Andersartigkeit ihrer Werke die Freunde davor bewahrt, Konkurrenten zu werden.
 
Prof. Dr. Theo Stemmler
 
 
Brauneck, Manfred: Die Welt als Bühne. Geschichte des europäischen Theaters. Auf mehrere Bände berechnet. Stuttgart u. a. 1993ff.
 
Englische Literaturgeschichte, herausgegeben von Hans Ulrich Seeber. Stuttgart u. a. 21993.
 Schirmer, Walter F.: Geschichte der englischen und amerikanischen Literatur. 2 Bände. Tübingen 61983.
 Suerbaum, Ulrich: Das elisabethanische Zeitalter. Neudruck Stuttgart 1996.

Universal-Lexikon. 2012.

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